Frankfurt geht aua! 2009 Seite 251

Yung

Lackdöschen im Bauhaus
Der Kontrast zwischen der nüchternen Bauhausarchitektur des Gebäudes in der Eschersheimer Ernst-May-Siedlung und dem typischen chinesischen Lackinterieur ist groß und wird durch folkloristische Landestracht der Bedienungen noch freundlich und zurückhaltend begrüßt, anstatt von einem forsch die Bestellung einfordernden Ober überfallen zu werden. Auch sonst steht hier das Wohl des Gastes im Vordergrund, etwa bei täglich wechselnden Happy-Day-Specials, mit allerlei interessanten Sonderangeboten; allein der 1-Euro-Ebbelwoi-Tag Mittwoch nimmt sich in diesem fernöstlichen Ambiente ziemlich exotisch aus. Hinzu kommt die beim Chinesen fast schon übliche Opulenz der regulären Karte, sodass der Gast unter 155 Vorspeisen, Salaten und Suppen, Tofu- und vegetarischen Speisen sowie diversen Hauptgerichten wählen kann, oder besser: etwas hilfslos hin- und herblättert. Vorneweg locken Dim-Sum-Spezialitäten, diverse kleine Köstlichkeiten  der kantonesische Küche, die „das Herz berühren“, wie in der Karte freundlichenweise übersetzt wird. Wir entscheiden uns für Käsetaschen (3,10€) und eine kleine Dim-Sum-Platte (5€), die mit feinen Nudelteigtäschchen mit Krabben sowie Teigkörbchen mit Schweinefleisch und Krabben aufwartet. Als Hauptgerichte wählen wir scharfes, gebratenes Curry-Gemüse (7,80€) und knusprig geröstete Ente in Pflaumensauce (13,80€). Dazu trinken wir Weizenbier (0,5l zu 4€), Chianti (0,2l zu 1,90€, weil heute „Wein-Tag“ ist) und eine Apfelsaftschorle (0,4l zu 3,50€). Beide Hauptspeisen – so unterschiedlich sie sind – kommen fein gewürzt und geschmacklich gut abgestimmt daher, und auch das Nachbestellen von Reis ist kein Problem. Da noch Platz vorhanden ist, ordern wir als Dessert in Honig ausgebackene Ananas und ebensolche Apfelscheiben (jeweils 3€), wobei Letztere eindeutig die bessere Wahl darstellen. Zwar folgt man im Yung nicht restlos allen landesüblichen Geflogenheiten – wonach in Kanton sprichwörtlich alles, was vier Beine hat, gekocht wird (bis auf Tische und Stühle selbstverständlich), doch macht das Lokal dem Ruf Kantons eine der wohlschmeckendsten und raffiniertesten Küchen Chinas alle Ehre. Mit anderen Worten: Der Weg nach Eschersheim lohnt sich.

Rolf Jahnen ~ China (Rang 3)

quelle: journal Frankfurt Führer – Frankfurt geht aus 2009  – Seite 251