Auftritt 1990-04 Team JADE

Auftritt 1990-04 Team JADE

Süßes Drachenfutter

Man findet sie an jeder zweiten Ecke, sie sind meistens ziemlich groß, in ihrem Inneren wimmelt es von bemalten Lampen mit langen roten Troddeln. Porzellan- oder Plastikbuddhas und goldenen Drachen. Nur von Gästen wimmelt es meistens nicht. Während andere asiatische Restaurants,  besonders die thailländischen, Hoch konjunktur haben, langweilen sich haufenweise frustrierte Kellner in den leeren „Tempeln chinesischer Kochkunst“. Das hat se ine Gründe. Vor circa 20 Jahren waren China-Restaurants die ersten asiatischen Lokale in Deutschland. Damals flößte einem das Wort „Haifischflossensuppe“ noch gehörigen Respekt ein und Sojakeimlinge gehörten zum exotischsten, was man sich vorstellen konnte. Auch die immer wieder in die Welt gesetzten Gerüchte , hier würde einem Ratten- oder Hundefleisch vorgesetzt, hielten die wenigsten Leute vom Besuch eines China-Restaurants ab.

Schon damals hatte das . was hier als chinesische Küche angeboten wurde, meistens recht wenig mit der echten Chinaküche gemeinsam – das störte allerdings die wenigsten, da kaum jemand wußte, wie gut chinesisches Essen wirklich sein kann. Der eigentliche Variationsreichtum dieser Kochkunst schlägt sich oft nur noch in einer ellenlangen Speisekarte nieder, die Gerichte selbst unterscheiden sich jedoch geschmacklich meist nur graduell: verkochte Fleisch- und Gemüse Stückchen in einer faden, angedickten Sauce, Suppen von  schleimig-glibberiger Konsistenz und fettriefende, fast ausschließlich mit Kohl gefüllte Frühlingsrollen – wer hat da heute noch Appetit drauf. Wenn er erstmal die knackig-frischen Zutaten, leichten und pikanten Saucen und putzigen kleinen Frühlingsröllchen kennengelernt hat, die zum Beispiel die Thai-Küche oder vietnamesische Restaurants zu bieten haben.  Natürlich gibt es Ausnahmen – aber die sind dünn gesät und fast immer recht kostspielig.

Eine  dieser Ausnahmen ist das „Jade“, ein ganz normales, weder besonders edel gestyltes, noch kitschüberfrachtetes Lokal in Frankfurt. Es bietet Spezialitäten, wie man sie üblicherweise nicht findet. Man sitzt angenehm an rosa gedeckten Tischen – das Restaurant ist fast immer sehr gut besucht, wer sichergehen will, sollte vorher reservieren . Die Atmosphäre ist freundlich und weniger steif als in vielen anderen China-Restaurants, das mag einerseits am netten Se rvice liegen, andererseits auch an dem sehr bunt gemischten Publikum – hier gehen auch viele Chinesen zum Essen hin, fast immer ein gutes Zeichen. Aber das Wesentliche ist die Speisekarte, die auch hier „Überlänge“ hat – die Durchnumerierung endet bei 251.

Es gibt 23 Vorspeisen , darunter sehr viele Außergewöhnliche. Zum Beispiel die kantonesische Dim-Sum Platte (9 Mark ), eine Zusammenstellung verschiedener kleiner Vorspeisen, Hummerkrabben in Reispapier (6,50 Mark), Meeresfrüchte-Röllchen im Sojabohnenblatt, gebratener Rettichkuchen, knusprige Klebereisbällchen, gedämpfte Hefeteigtaschen mit süßer Lotosnußfüllung, gefüllte gebackene Krebsschere, geschmorte Hühnerfüße in Schwarze-BohnenSauce sowie gedämpfte Rinderkutteln. Als wir von der ansonsten köstlichen Dim-Sum-Platte kürzlich ein nicht ganz durchgebratenes Stückchen liegenließen, wurde uns, ohne daß wir reklamiert hatten , eine neue Platte gebracht.

Von den Suppen möchte ich „Sui Gao“ besonders empfehlen. Eine klare, nicht angedickte Suppe mit Mangoldblättern und Teigtaschcn mit Krabbenfüllung – köstlich. Oder die vegetarische Suppe mit Shiitake-Pilzen und Tofu. Aus der Fülle der Hauptgerichte sei hesonders das Schwveinefleisch süß-sauer (13,50 Mark) erwähnt, ein Gericht, das ich normalerweise nicht bevorzuge, da es oft zu süß ist, oder die Sauce stark nach Ketchup schmeckt – hier ist es richtig gut, mit zarten, knusprigen Fleischstückchen, etwas Ananas und einer ausgewogenen Sauce.

Ebenfalls empfehlenswert: Rindfleisch mit schwarzen Bohnen und Paprika (16 Mark), pikant aber nicht scharf. Das gleiche Gericht gibt es auch mit Tintenfisch, den ich allerdings als zäh und hart bezeichnen muß. Auf Vorbestellung kann man auch chinesischen Gelbfisch bekommen, gedämpft oder gebraten und süßsauer-pikant gewürzt. Als letztes seien noch die Gerichte mit knusprig gebratenen Nudeln erwähnt. Ich meine hierbei nicht die üblichen Gerichte mit gebratenem Reis oder gebratenen Nudeln, die man in jedem China-Restaurant bekommt. sondern diese Nudeln werden roh in die Friteuse geworfen, wo sie in kürzester Zeit goldbraun und knusprig werden – kein Vergleich mit in der Pfanne gebratenen. Ich möchte nicht beschwören, daß man sie in Frankfurt nur hier bekommt. weiß aber von einer Freundin, die seit einem London-Aufenthalt „Crisp-fried-noodle“-süchtig ist,  sodaß sie schon viele Frankfurter China-Restaurants auf der Suche danach vergeblich abgek lappert hat.

China-Restaurant Jade, Oeder Weg 151. Frankfurt Nordend, Tel.: 593333,
Öffnungszeiten: täglich durchgehend von 11.30 Uhr bis 23.30 Uhr.

quelle:Auftritt – Frankfurt Rhein-Main 04-1990 von Gastrotipps

5 Chinesen ohne Kontrabass